Stets genügte ein Zeichen
Burg | Wenn die Welt um einen herum still ist, dann ist das Leben fokussierter. Andere Sinne gewinnen an Bedeutung und andere Dinge braucht es, um das Herz eines Menschen für das eigene zu gewinnen. Ohne das Hören wird Sprache zur Handarbeit. Werden Mimik und Gestik zur Kommunikationsplattform. „Schatz, bring mir mal …“ – diesen Satz hat Annelore Hedwig Stahl von ihrem Mann in 60 Jahren Ehe nie gehört und er hat ihn ihr nie gesagt. Denn Werner und Annelore Stahl sind seit ihren Kindertagen gehörlos.
Bei einem häuslichen Unfall verlor Annelore als Kind ihr Gehör. Ihr Mann Werner durch eine Erkrankung an Kinderlähmung. Doch für das diamantene Hochzeitspaar war das kein Grund, das Leben nicht zu lieben und vor allem das Lieben nicht kennenzulernen.
Im Gegenteil. Was Werner bis zum Kennenlernen seiner Annelore alles erlebt hatte, stärkte ihn für den Rest seines Lebens. Als kleines Kind aus Groß Stamm in Ostpreußen geflohen, entkam er einer Katastrophe, die in die Geschichtsbücher einging. Seiner Familie war ein Platz auf der Wilhelm Gustloff zugesichert. Jenem Schiff, das durch einen russischen Torpedotreffer am 30. Januar 1945 mit rund 10.000 Zivilisten an Bord sank.
Werner war nicht auf dem Schiff, denn seine Familie kam, als die Wilhelm Gustloff bereits abgelegt hatte. Der Weg seiner Familie endete aber nicht an jenem Kai in Gotenhafen. Ihr Weg aus der alten Heimat in eine neue Heimat führte sie nach Burg – in die Stadt der Türme.
Hier fand Werner zum Tischtennis und mit diesem den Weg nach Zwickau in ein Trainingslager des Gehörlosenverbandes der Deutschen Demokratischen Republik.
Dort traf der damals 25-Jährige die 17-jährige Annelore, für die er zum Helden wurde, als er die junge Frau vor einem betrunkenen Sportkollegen rettete. Sie, als Leichtathletin, fand Gefallen an dem jungen Mann, der rund 110 Kilometer Luftlinie von ihr entfernt wohnte. Doch ein näheres Kennenlernen war mit Hindernissen verbunden.
Werners Mutter empfand den Altersunterschied zwischen den beiden als unangebracht und verbot ihrem Sohn, die junge Annelore zu treffen. Doch Liebe überwindet Grenzen, Berge und auch Mütter. Und so trafen sich die beiden heimlich immer mal wieder in jener Stadt, in der sie sich gefunden hatten: Zwickau.
Damals absolvierte Annelore noch eine Ausbildung im Bekleidungswerk Leipzig zur Schneiderin. Später, nach der Hochzeit, folgte sie ihrem Werner nach Burg.
Bis dahin dauerte es aber noch eine Weile. Genau bis zu ihrem 18. Geburtstag. Denn da läuteten auch die Hochzeitsglocken. Aus dem geborenen Fräulein Rübsam wurde Frau Stahl. Keinen Tag länger wollten die beiden mit der Vermählung warten – und die Zeit gab ihnen recht. Sechs Jahrzehnte sind sie nun zusammen.
Sechs Jahrzehnte, in denen Werner im Tischtennis Karriere machte und selbst zu DDR-Zeiten über den Versehrtensport international unterwegs war. Diese Leidenschaft übte er bis vor wenigen Jahren noch aktiv aus, bis gesundheitliche Beschwerden das Stehen an der Platte nicht mehr zuließen.
Die Treue zum Sport ist mit der Treue zu seinem Beruf gleichzusetzen. Von der Ausbildung zum Tischler bis zur Rente verblieb Werner in einem Betrieb. Auch Annelore blieb ihrem Handwerk bis zur Rente treu.
Die besondere Lebensleistung der beiden ist aber eine andere. Denn trotz ihrer Gehörlosigkeit zogen sie zwei Söhne groß, die 1968 und 1970 geboren wurden.
Einer der beiden erinnerte sich nun, als Bürgermeister Philipp Stark den Eheleuten gratulierte: „Als ich in die Schule kam, konnte ich nicht sprechen. Zu Hause gab es keine Sprache, nur die altdeutschen Gebärden. Ich musste das Sprechen selbst erst erlernen.“
Und heute? Da ist er in der Familie der Einzige, der die alten Gebärden beherrscht und so den Kanal zur Welt der Hörenden für seine Eltern offenlässt.
Zahlreiche Besuche bekommen Werner und Annelore dennoch von ihren sechs Enkeln und zwei Urenkelinnen.
Eines aber wollen die beiden beim Besuch des Bürgermeisters an die Hörenden richten: „Als Gehörloser ist es auch heute noch schwer, sich in Notsituationen zu verständigen. Trotz aller Technik. Auch Gehörlosen kann zugehört werden.“
Dass die beiden seit 32 Jahren im eigenen Haus leben, nimmt diesem Appell nicht seine Bedeutung. Und dass die beiden seit 60 Jahren verheiratet sind, zeigt, dass es auch ohne viele Worte geht, wenn sich zwei Menschen lieben.
